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Erinnerungsorte NS-Zeit

15 Orte - 15 Geschichten. Texte verorten Erinnerungen an den Nationalsozialismus im Montafon. Ein Gedenkprojekt zum Schwerpunkt Verfolgung und Widerstand in der NS-Zeit.
Erinnerungsorte NS-Zeit

Ernst Eisenmayer und sein Cousin im Jahr 1938 nach der Flucht in die Schweiz im Rätikon (c) Montafoner Museen

Erinnern an Vergessene

75 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes und des Zweiten Weltkriegs entstehen in allen Montafoner Orten Erinnerungszeichen. Zentrale Themen sind einerseits Flucht und Zwangsarbeit. Andererseits sind es auch Geschichten von Humanität und gewaltfreiem Widerstand. Es sind Schicksale von Menschen, die bisher im regionalen Gedächtnis nahezu ausgelöscht waren.

Alle 15 Geschichten ereigneten sich im Nationalsozialismus von 1938 bis 1945 im Montafon. Es sind individuelle Schicksale, aber keine Einzelschicksale. Fluchtgeschichten gab es damals unzählige, und Tausende haben allein im Montafon unter Zwangsarbeit gelitten. Gleichzeitig gab es Hilfsbereitschaft und Widerstand häufiger, als im Rahmen dieses Erinnerungsprojekts dokumentiert werden kann.

Jedes der 15 Schicksale geht uns nah – und ist nah. Alle Geschichten verweisen auf einen konkreten Ereignisort. Demgemäß werden die 15 Geschichten auch an diesen realen Orten manifest. Und jede Geschichte stellt uns vor die Frage: Wie halten wir es heute mit dem Engagement
für die Schwachen in unserer Gesellschaft?

Zahlreiche Geschichten zeichnen das bedrückende Bild einer menschenverachtenden Ideologie. Die anderen Texte dokumentieren ein erhebendes Bild von Zivilcourage und Widerstandskraft. Alle Geschichten gemeinsam spiegeln eine irritierende „Gleichzeitigkeit des Ungleichen“. Und durch alle Texte zieht sich wie ein roter Faden die Befragung von Humanität und Menschenwürde.

Gesamthaft ergeben die 15 Geschichten an 15 Orten ein vielschichtiges Erzählpanorama. Nachfolgende Texte holen diese Geschichten exemplarisch ans Licht und schreiben sie in die Erinnerungslandschaft des Tales ein; an 15 Orten im Montafon, in einer Broschüre und hier im virtuellen Raum:

STALLEHR Die Intoleranz überwinden
LORÜNS Arbeit als Kampf
ST. ANTON Recht auf Leben
VANDANS Chronik des Widerstandes
GANTSCHIER Zwang bis zum Tod
BARTHOLOMÄBERG Ein Vorbild für uns
INNERBERG Religiöser Widerstand
SILBERTAL Frau mit Courage
SCHRUNS Vergeblich und vergessen
TSCHAGGUNS Flucht und Erinnerung
ST. GALLENKIRCH Hilfe und Risiko
GARGELLEN Flucht und Mord
GORTIPOHL Geist und Güte
GASCHURN Frau im Widerstand
PARTENEN Kein schlimmes Ende

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Stallehr: Die Intoleranz überwinden

Es war die Zeit, in der die Nationalsozialisten Millionen Menschen zu Arbeitssklaven degradierten. Auch in Vorarlberg mussten Tausende verschleppte Zwangsarbeiter unter teils unmenschlichen und unwürdigen Bedingungen arbeiten.
Eugenie Mucha wuchs in einem polnischen Dorf auf. Die deutsche Wehrmacht überfiel ihr Land, und der Abtransport arbeitsfähiger Menschen begann. Auch Eugenie wurde in einen Güterwaggon
getrieben. Monate später kam sie in Bludenz an.
Eugenies zuküntiger Arbeitsplatz war ein Gasthof mit Landwirtschaft in Stallehr. Bald entwickelte sich zwischen Otto Martin aus Stallehr und Eugenie eine Liebesbeziehung. Offenbar ermöglichte diese Beziehung einen erstaunlichen politischen Gesinnungswandel bei Otto Martin: er wurde zum Widerstands- und Freiheitskämpfer.
Als Eugenie schwanger wurde, bekannte sich Otto freimütig zur Vaterschaft. Beide wurden nach Innsbruck ins Gefängnis eingeliefert. Die schwangere Eugenie kehrte bald an ihren Arbeitsplatz zurück, ihr Mann jedoch verbrachte quälende Wochen im „Arbeitserziehungslager“ Reichenau in Innsbruck.
Indessen litt Eugenie unter dem Ruf der „Rassenschande“. Zudem sollte sie ihr Kind abtreiben lassen, denn bei schwangeren „Ostarbeiterinnen“ war ein Schwangerschaftsabbruch erwünscht. Eugenie allerdings wehrte sich erfolgreich gegen den Verlust ihres Kindes.
Dann wurde Otto Martin an die Front eingezogen. In den letzten Kriegswochen desertierte er und kämpfte auf Seiten der Alliierten gegen die Wehrmacht. Erst 1946 kehrte Otto Martin aus der Kriegsgefangenschaft zurück.
Während des ersten Besuchs von Eugenie in ihrer früheren Heimat in den 1960er Jahren verstarb
ihr Mann. Eugenie Martin selbst starb 2012.

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Lorüns: Arbeit als Kampf

Das Terrorregime des Nationalsozialismus herrschte mit Menschenverachtung und Unterdrückung. So war es nicht nur in überfallenen Ländern, so war es auch in der Heimat. Besonders drastisch bekamen das die Arbeiter im Zementwerks Lorüns zu spüren.
Mit Fortdauer des Weltkriegs wurde das Zementwerk als „kriegswichtiger Betrieb“ eingestuft. Damit erklärten die Nationalsozialisten die Arbeit zum „Kampf an der Heimatfront“. Im Steinbruch setzte das Unternehmen auch ukrainische Zwangsarbeiter ein. Diese wurden immer wieder körperlich gezüchtigt.
Die Vorgesetzten waren aber auch bei heimischen Arbeitern gefürchtet. Der Zwang zu Höchstleistungen erzeugte unmenschlichen Druck. Gleichzeitig war die Entlohnung der Arbeiter in Anbetracht härtester und ungesunder Bedingungen viel zu gering.
Kranke wurden von Ärzten viel zu früh gesundgeschrieben. Dem kranken Arbeiter Albert Flügel aus Nüziders drohte die Betriebsleitung schriftlich mit Anzeige bei der Gestapo. Ähnliches musste auch Robert Roßkopf am eigenen Leib erfahren. Roßkopf wurde 1905 in Kärnten geboren und lebte nun in Ludesch. Sein Arbeitsplatz war das Zementwerk Lorüns. Die Härten und Schikanen im Zementwerk kannte Robert Roßkopf bereits, als er im Jahr 1943 ernsthaft erkrankte.
Viel zu früh gesundgeschrieben, sah sich Robert Roßkopf außerstande, die Arbeit wieder aufzunehmen. Er hütete weiterhin entkräftet das Bett. Nach einer Anzeige durch die Betriebsleitung wurde Roßkopf von der Gestapo wegen „Arbeitsverweigerung“ verhaftet und „aus politischen Gründen“ in das gefürchtete Arbeitserziehungslager Reichenau in Innsbruck eingeliefert. Dort musste Robert Roßkopf leidvolle Monate verbringen.
Indessen dauerte das Arbeiterelend im Werk bis zum Kriegsende an.

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St. Anton: Recht auf Leben
Zwischen 1938 und 1945 sahen sich auch im Montafon immer mehr Menschen bedroht: wegen ihres Widerstandes, wegen ihrer Gesinnung, oder einfach aufgrund ihrer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung. Grund dafür war vor allem die menschenverachtende Gesetzgebung der Nationalsozialisten.
Ab September 1939 trat das so genannte „Euthanasieprogramm“ in Kraft. Ziel war die Beseitigung der „unnützen Esser“, wie es die NS-Propaganda bezeichnete. Dazu gehörten die Aussonderung und Tötung von Erb- und Geisteskranken, von körperlich Behinderten, aber auch von sozial oder „rassisch“ Unerwünschten.
In St. Anton war es Rosa Stüttler, die Opfer dieser systematischen Vernichtungsaktion werden sollte. Rosa kam 1889 zur Welt. Als Kind einer unverheirateten Mutter und von Geburt an geistig beeinträchtigt, dürfte bereits ihre Kindheit schwierig gewesen sein.
Schließlich wurde Rosa Stüttler im Armenhaus Bartholomäberg untergebracht. Dr. Vonbun war als Leiter der Anstalt Valduna ein gefürchteter Betreiber dieser Vernichtungspolitik. Mit Hilfe von Amtsärzten durchkämmte er die Armen- und Versorgungshäuser in ganz Vorarlberg. Unterstützt von zahlreichen Gemeindeärzten, entschied er vor Ort, wer den Familien und den Versorgungshäusern weggenommen werden sollte.
Rosa Stüttler wurde zuerst in die Valduna und bald danach in die Pflegeanstalt Hall i. T. gebracht. Dort wird Rosa als leicht ergraute und gutmütige Patientin beschrieben. Trotzdem transportierte man Rosa Stüttler ein Jahr später in die Anstalt Niedernhart in Linz, wo sie unverzüglich ermordet wurde.
Im Taufbuch von St. Anton ist das Ableben Rosa Stüttlers mit 3. September 1942 eingetragen.

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Vandans: Chronik des Widerstandes

Josef Anton Bitschnau war Familienvater und Lehrer. Im Jahr 1938 erfolgte der „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Auch in diesen schwierigen Zeiten führte Bitschnau gewissenhaft seine Schulchronik. Dort schilderte er die Atmosphäre unmittelbar nach dem „Anschluss“.
Im Dorf war die Stimmung überwiegend von Freude gekennzeichnet. Stolz wurden Hakenkreuzzeichen angesteckt, Hakenkreuzfahnen wurden gehisst, und „Heil Hitler“- Rufe waren rundum zu hören.
Bitschnau schildert diese Euphorie in einem Grundton der Angst. Schon zuvor war Bitschnau als überzeugter Christdemokrat ein Gegner des nationalsozialistischen Regimes gewesen. Leider sollten sich nun seine Befürchtungen bald bestätigen.
Zuerst wurde Schwester Apollonia als Lehrerin der Volksschule entlassen. Dann läuteten die Kirchenglocken zum letzten Mal. Bitschnau schrieb dazu: „Bald werden sie zu Werkzeugen der Vernichtung umgewandelt.“ Und schließlich wurde auch Pfarrer Nesensohn die Ausübung seines Dienstes als Religionslehrer untersagt.
Im November 1944 steht der letzte Eintrag in der Schulchronik. Darin erklärt Bitschnau, dass auch er selbst seines Dienstes enthoben worden sei. Grund dafür waren seine „regierungsfeindlichen Äußerungen“. Bevor er ins Gefängnis in Feldkirch eingeliefert wurde, schrieb Bitschnau seine letzten Worte in die Schulchronik: „Ade, liebe Schule!“
Nach Verbüßung einer zweimonatigen Gefängnishaft musste Bitschnau in den letzten Kriegsmonaten zum Volkssturm einrücken. Als das Kriegselend und der Nationalsozialismus endlich vorbei waren, konnte auch Bitschnau aufatmen.
Heute erfährt dieser mutige Lehrer in der Gemeinde eine erinnernde Würdigung.

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Gantschier: Zwang bis zum Tod

Im Nationalsozialismus wurden Millionen Menschen aus Osteuropa verschleppt und als Arbeitssklaven eingesetzt. Allein im Montafon mussten zeitweise 5000 Zwangsarbeiter unter teils unmenschlichen Bedingungen auf Baustellen und in der Landwirtschaft arbeiten. So war es auch in Rodund.
Zu den wenig bekannten Geschehnissen dieser Zeit zählen Hinrichtungen von Zwangsarbeitern. Diese wurden ohne jedes gerichtliche Verfahren vollzogen, oft ohne seriöse Beweisführung. Die Exekutionen dienten primär der Abschreckung. Deshalb wurden solche Hinrichtungen öffentlich und in Gegenwart von anderen Zwangsarbeitern vollzogen; auch in Rodund.
Im Februar 1942 wurde der polnische Zwangsarbeiter Konstantin Przygoda auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei durch Erhängen hingerichtet. Angelastet wurden ihm mehrfache sittliche Verfehlungen. Die Exekution erfolgte auf der Baustelle, wo damals das Kraftwerk Rodund I errichtet wurde. Hier waren zahlreiche Zwangsarbeiter im Einsatz.
Welcher Art die Anschuldigungen waren, geht weder aus der Chronik des Gendarmeriepostens, noch aus anderen Quellen hervor. Auch schriftliche Aufzeichnungen der Gestapo, die die Hinrichtung angeordnet hat, sind nicht vorhanden. Wie oft in dieser Zeit, beruhte die Verurteilung lediglich auf Gerüchten und Erzählungen.
Auch die einheimische Bevölkerung war zur Hinrichtung eingeladen. Anschließend ließ man die Leiche von Konstantin Przygoda zur Abschreckung noch einige Zeit hängen. Dann wurden die sterblichen Überreste angeblich nahe der Ill verscharrt.
Zumindest eine positive Erinnerung bleibt. Ein damals fünfjähriger Bub aus Schruns erinnert sich heute noch an Konstantin: Er würde diesen „ganz lieben Menschen“ heute noch erkennen.

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Bartholomäberg: Ein Vorbild für uns

1905 errichtete die Gemeinde Bartholomäberg mit der Stiftung der Maria Anna Drinkwälder ein Haus für unversorgte Arme und Kranke. Dann kam 1938 der „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Damit änderte sich die existenzielle Situation für die Insassen des Versorgungsheims grundlegend. Nun wurde auch hier die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten wirksam.
Bereits im September 1939 begann die systematische Tötung geistig behinderter Kinder, bald auch von erwachsenen Behinderten und psychisch Kranken. Im Montafon sonderten Ärzte der Anstalt Valduna so genannte „lebensunwerte“ Menschen aus, teils unter aktiver Mitwirkung von Montafoner Ärzten.
Viele wurden in die Valduna, nach Hall in Tirol und teils weiter nach Oberösterreich überstellt. Dort lagen die berüchtigten Tötungsanstalten Hartheim und Niedernhart. Diesen Transfers mit nachfolgenden Tötungsaktionen fielen allein in Vorarlberg 263 Menschen zum Opfer.
Im Jahr 1941 wurden auch aus dem Armenhaus Bartholomäberg mehr als ein Dutzend Insassen ausgesondert und abtransportiert. Zu dieser Zeit war Schwester Tolentina Leiterin des Heims. Sie war Mitglied des Ordens der Barmherzigen Schwestern.
Tolentina konnte den Abtransport zwar nicht verhindern, bemühte sich aber persönlich um eine Rückführung „ihrer“ Patientinnen und Patienten nach Bartholomäberg. Sie sprach bei den Behörden vor und fuhr mehrmals nach Hall. Zumindest in 6 Fällen war diese Intervention erfolgreich. In den meisten anderen Fällen kam Schwester Tolentinas Bemühen zu spät.
Geblieben  sind  wertschätzende  Erinnerungen  an  das  couragierte  und  menschliche  Wirken  der Schwester Tolentina. Sie ist ein Beispiel gelebter Humanität und damit ein Vorbild, auch in unserer Zeit.

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Innerberg: Religiöser Widerstand

Josef Plangger wurde 1902 geboren. Nach dem Theologiestudium feierte er seine Primiz in Vandans. Hier lebten auch seine Eltern. Ab 1939 trat er seine Stelle als Kurat in Innerberg an. Bereits im Jahre zuvor war Österreich Teil des nationalsozialistischen Regimes geworden, und Josef Plangger sollte das bald zu spüren bekommen.
Zuerst geriet Plangger in Schwierigkeiten, als er sich den Gottesdienstplan nicht von der Gestapo vorschreiben ließ. Nach einem dreiwöchigen Gefängnisaufenthalt und Versetzung nach Gaschurn folgten weitere Schikanen. Plangger wurde nach Osttirol versetzt. Dort geriet der mutige Priester jedoch bald in Konflikt mit der Hitlerjugend.
Abermals wurde Plangger in Haft genommen und anschließend in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Nach Schwerstarbeit im Steinbruch verbrachte man Plangger schließlich ins Konzentrationslager Dachau. Erst kurz vor Kriegsende wurde er aus der Haft entlassen.
Wie Plangger, kamen nahezu alle Priester im Montafon mit dem NS-Regime in Konflikt. Sie waren zahlreichen Schikanen ausgesetzt. Schulgebete und Prozessionen, religiöse Bräuche und Vereinigungen wurden verboten. Vor allem widersprach die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten einem christlich ausgerichteten Menschenbild.
In den Jahren nach dem Krieg versuchte Josef Plangger wieder auf seine geliebten Berge zu steigen. Allerdings war er dabei durch die im Konzentrationslager erlittene Fußverletzung stark beeinträchtigt. Seine Eltern verbrachten ihren Lebensabend im Frühmesshaus Bartholomäberg, während Plangger als Lehrer am Paulinum in Schwaz wirkte.
1973 ist Josef Plangger gestorben, sein Grab liegt in Vandans.

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Silbertal: Frau mit Courage

In Silbertal wurde Apollonia Bitschnau „Wirts Lona“ genannt. Ihre Eltern betrieben das Gasthaus Hirschen und ein einfaches Geschäft. Schon früh musste Lona die Verantwortung als Wirtschafterin und für die Familie übernehmen, nachdem ihre Mutter viel zu jung gestorben war.
Neben unverheirateten Geschwistern hatte Lona auch zwei beeinträchtigte Schwestern zu versorgen. Dazu kam ein eigenes Kind – Lona blieb Zeit ihres Lebens unverheiratet. Im Dorf wurde Lona für ihre sprichwörtliche Gutmütigkeit und Großherzigkeit geschätzt. Mit ihrer unkonventionellen Art allerdings machte sich Lona nicht nur Freunde.
Von 1940 bis 1942 gab es in Silbertal ein Lager für französische Kriegsgefangene. Deren bedrückende Lebensumstände erregten auch das Mitgefühl der jungen Hirschen-Wirtin. Allerdings sprach sich diese Hilfsbereitschaft im Dorf bald herum und fand nicht nur Verständnis.
Auch in Silbertal wirkte der Ungeist des Nationalsozialismus. Regimegegner, Fremde und großherzige Menschen wie Lona bekamen das zu spüren. Lona wurde angezeigt und zu einer mehrmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Apollonia Bitschnaus Umgang mit Kriegsgefangenen habe „das gesunde Volksempfinden gröblichst verletzt“, wurde ihr vorgeworfen.
Nicht zuletzt waren auch Lonas beeinträchtigte Schwestern stark gefährdet. Deren Abtransport in eine der gefürchteten Tötungsanstalten konnte Lona jedoch mit ihrer geschickten Taktik vermeiden: Beide Frauen, das Annili und Marili, beschäftigte Lona im Laden und in der Gastwirtschaft. So konnte sie öffentlich zeigen, dass die beiden Frauen arbeitsfähig waren.
Viel zu früh ist Apollonia Bitschnau im Alter von 43 Jahren verstorben.

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Schruns: Vergeblich und vergessen

Der aus Gamprätz stammende Kleinbauer und Maurer Josef Tschofen war lange Saisonarbeiter in Frankreich gewesen. Im Frühjahr 1945 lag er im Krankenhaus St. Josef in Schruns. Eigentlich hätte er hier das nahe Kriegsende und ein Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft abwarten können.
Eines Morgens allerdings sprach ihn im Josefsheim eine jüngere Frau in französischer Sprache an. Josef Tschofen sprach ausgezeichnet Französisch. Und die Geschichte der Frau ging Josef Tschofen zu Herzen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch sei sie völlig unterkühlt in dieses Krankenhaus gebracht worden. Nun bat sie Josef, ihr bei einem zweiten Fluchtversuch zu helfen.
Josef Tschofen, obwohl selbst ans Krankenbett gebunden, wollte spontan helfen. Er beschrieb der Frau den Fußweg zu Johann Vogt, seinem Schwager in St. Gallenkirch. Auch Vogt sprach Französisch, auch er wollte helfen. Auch seine Frau und der Pfarrer zeigten spontane Hilfsbereitschaft.
Josef Tschofen riet zum heimlichen Grenzübertritt von Feldkirch nach Liechtenstein. In Feldkirch wohnte ein weiterer Freund von Johann Vogt. Auch dieser war bereit, das hohe Risiko einzugehen und zu helfen. Die Flucht gelang tatsächlich, und alle begaben sich erleichtert wieder heim.
Wenige Tage später jedoch wurden Johann Vogt und Josef Tschofen verhaftet. Josef brach bereits am ersten Tag der brutalen Verhöre zusammen und musste unverzüglich ins Stadtspital Feldkirch eingewiesen werden. Dort verstarb er an den Folgen der Verletzungen.
Später stellte sich heraus, dass den hilfsbereiten Männern eine Falle gestellt worden war. Josef Tschofen, Initiator der Fluchtgeschichte, hat seine Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlen müssen.

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Tschagguns: Flucht und Erinnerung

Die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 hat immer mehr Menschen in die Flucht getrieben. Unzählige sahen sich bedroht oder wurden verfolgt: wegen ihres Widerstandes gegen das Regime, wegen ihrer religiösen oder politischen Gesinnung - oder einfach, weil sie Juden waren.

Dem Montafon fiel in dieser Zeit eine schicksalhafte Rolle zu. Die Übergänge von Tschagguns in die benachbarte Schweiz zählten damals zu den wichtigsten Fluchtrouten. Manche wagten die riskante Flucht allein, manche mit Fluchthelfern. Erschreckend viele Fluchtversuche scheiterten. Zudem machte auch die Schweiz ihre Grenzen immer dichter. Sogar Flüchtlinge, die sich bereits in der Schweiz aufhielten, wurden wieder ins Deutsche Reich „ausgeschafft“.

Auch der aus einer jüdischen Familie in Wien stammende Ernst Eisenmayer erlebte diesen Schock. Von Tschagguns aus versuchte er gemeinsam mit seinem Cousin Hans der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung zu entkommen. Ernst war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre jung. Den beiden gelang 1938 im Bereich der Sulzfluh die Flucht in den Prättigau auf Schweizer Seite. Dort fühlten sie sich auf sicherem Boden, bis die Festnahme durch die Schweizer Polizei erfolgte. Man setzte sie kurzfristig in einen Zug, der sie zurück ins nationalsozialistische Österreich brachte. Nach einem zweiten, abermals gescheiterten Fluchtversuch wurde Eisenmayer ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Dank eines glücklichen Zufalls konnte er sich nach England retten, noch bevor die systematische Vernichtung der Juden einsetzte.

Erst in fortgeschrittenem Alter ist Ernst Eisenmayer wieder nach Wien zurückgekehrt und hat seine Erinnerungen an die Flucht im Montafon veröffentlicht.

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St. Gallenkirch: Hilfe und Risiko

Ab 1933 trieb der nationalsozialistische Terror unzählige Verfolgte in die Flucht. Auch das an die Schweiz grenzende Montafon wurde dadurch zum Schauplatz dramatischer Fluchtgeschichten.

Etliche Fluchtversuche scheiterten bereits an den gefährlichen und strapaziösen Fluchtwegen über die Montafoner Berge. Zahlreiche Flüchtende wurden von der nationalsozialistischen Grenzwache aufgegriffen. Einzelne Schlepper nahmen den Flüchtenden ihre gesamten Wertsachen ab und ließen sie vor der Grenze im Stich. Und immer wieder wurden Flüchtende von Schleppern bei der Grenzpolizei denunziert, um die ausgeschriebene Belohnung zu kassierten.

Allerdings gab es auch Fluchthelfer, die sich einer tiefen humanitären Gesinnung verpflichtet fühlten. Das Risiko jedoch war beklemmend: Eine Verhaftung der Fluchthelfer hatte die Deportation in ein Konzentrationslager zur Folge, manchmal sogar die sofortige Erschießung.

Meinrad Juen aus St. Gallenkirch ist eines der zahlreichen Montafoner Beispiele für beeindruckende Zivilcourage. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen in einer kinderreichen Familie auf. Wohl auch deshalb begann Meinrad Juen bereits im Alter von 15 Jahren, Waren über die Schweizer Grenze zu schmuggeln. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland war es dann nur ein kleiner Schritt vom erfahrenen Schmuggler zum Fluchthelfer.

Meinrad Juen hatte Kontakte zu Widerstandsgruppen im Montafon, knüpfte darüber hinaus ein internationales Kontaktnetzwerk. 1942 wurde Meinrad Juen wegen „Judenschmuggels in die Schweiz“ verhaftet. Er entkam und tauchte bis zum rettenden Kriegsende unter. Ein Bericht der örtlichen Gendarmerie erwähnt insgesamt 42 Juden, denen Juen die erfolgreiche Flucht ermöglicht haben soll.

Standort

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Gargellen: Flucht und Mord

Unzählige Menschen hat die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 in die Flucht getrieben. Besonders die Übergänge von Gargellen in die benachbarte Schweiz zählten damals zu den wichtigsten Fluchtrouten. Manche wagten die riskante Flucht allein, manche mit Fluchthelfern.
Nikolaus Staudt – Nico genannt – wurde 1919 in Düsseldorf geboren. Nach dem Abitur begann Nico sein Medizinstudium. Bei Kriegsausbruch im September 1939 wurde er zwar zur Wehrmacht eingezogen, später jedoch für sein Studium in Wien freigestellt.
1944 stand Nikolaus Staudt kurz vor Abschluss des Studiums. Er wusste, dass er daran anschließend an die Front eingezogen würde. Allerdings hatte Nico bereits einen ausgeprägten Widerwillen gegen den Krieg –mehrere seiner Verwandten waren bereits zu Tode gekommen.
Was blieb, war Flucht. Ende September 1944 versuchte Nico über das Gafierjoch in die Schweiz zu fliehen. Dafür vertraute er sich dem Rat eines einheimischen Führers aus Gargellen an. Dieser vermeintliche Ratgeber informierte jedoch die nationalsozialistische Grenzwache. Kurz vor dem Grenzjoch wurde der junge Flüchtling angeschossen.
Ob Nikolaus Staudt dort verstarb, oder beim Transport ins Tal seinen Verletzungen erlag, ist heute nicht mehr feststellbar. Jedenfalls wurde sein Leichnam in Gargellen beerdigt. Das war allerdings erst aufgrund der nachdrücklichen Forderung des damaligen Paters Fridolin Gmeinder möglich.
Das Wehrbezirkskommando Wien registrierte als Todesursache „Freitod.“ Im Sterbebuch Gargellen hingegen steht: „Erschossen auf der Flucht in die Schweiz, durch Hinterhältigkeit und Tücke, mit Vorauswissen und Vorausbestellen damaliger NSDAP.“

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Gortipohl: Geist und Güte

Emil Fuchs war Theologe und Friedensaktivist, Pfarrer und Pädagoge. Diese Grundhaltungen lebte der politisch aktive Theologe überzeugend vor. Sein engagierter Einsatz für Benachteiligte und Unterdrückte fand große Wertschätzung – und Verachtung.
Bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wurde Fuchs überwacht, inhaftiert und verlor schließlich seine Arbeit. 1943 verließ er seine Heimat und landete in Gortipohl.
Manches deutet darauf hin, dass er in die Schweiz flüchten wollte. Jedenfalls lebte Emil Fuchs hier gemeinsam mit seinem Enkel Klaus bis zum Kriegsende.
Sie waren im vormaligen Alpenjugendheim einquartiert. Dieses leitete Erna Kuschkowitz seit den 1930er Jahren mit viel Engagement und Idealismus. Zahllos waren die Jugendgruppen (auch aus Deutschland), die hier aktive Erholung fanden. Ab Kriegsbeginn waren im Heim auch so genannte Bombenflüchtlinge und „Durchreisende“ einquartiert. Viele davon waren auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung.
Emil und Klaus leisteten hier aktive Fluchthilfe. Auch religiös motiviert Aufrufe zum Widerstand verfasste Emil Fuchs. Mit der Widerstandsbewegung in St. Gallenkirch und deren führendem Mitglied Stefan Spannring standen Vater und Enkel in regem Kontakt. Aufgrund dieser Aktivitäten erfolgten bei Emil Fuchs mehrfach Hausdurchsuchungen durch die Gestapo.
Nach Ende des Krieges kehrte Emil Fuchs als Professor nach Deutschland zurück. Sein Kampf für Frieden und Gerechtigkeit ging weiter, bis ins hohe Alter. Uns bleibt das Erinnern an die zweijährige Heimat dieses engagierten Christen, Pädagogen und Friedensstifters in Gortipohl.

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Gaschurn: Frau im Widerstand

Auch im Montafon waren die Schrecken des Nationalsozialismus spürbar. Es brauchte Mut, sich dagegen auszusprechen oder gar zu wehren. Zu riskant waren die existenziellen Folgen, und oft wurde das Wagnis zum Verhängnis. Trotzdem gab es auch in Gaschurn Beispiele eines solchen Widerstandes. Pauline Wittwer ist das beeindruckende Beispiel für Zivilcourage und Menschlichkeit.
1898 kam Pauline hier zur Welt. In Wien erlernte sie den Beruf der Krankenschwester. Als solche versah sie in der Zeit des Nationalsozialismus auch freiwilligen Dienst als Rot-Kreuz-Helferin in Feldkirch. Allerdings, Berufsethos und Humanität reichten bei Pauline weit über einen „Dienst nach Vorschrift“ hinaus.
Immer wieder ließ Pauline Wittwer französischen Kriegsgefangenen Lebensmittel und Kleidung zukommen. Nach mehreren Denunziationen wurde sie von der Gestapo verhört. Pauline erklärte laut Protokoll unter anderem: „Ich sehe nur den kranken Menschen, dem ich helfen muss. Für mich ist das gleich, ob es ein Deutscher oder ein Ausländer ist.“
Mehrmals wurde Pauline wegen ihres humanitären Engagements angezeigt. Es folgte die Verhaftung und Pauline wurde verurteilt. In insgesamt 7 verschiedenen Gefängnissen verbrachte sie eine mehrmonatige Haft. 1941 verschleppte man Pauline in das Konzentrationslager Ravensbrück. Als Haftgründe wurden „politischer Widerstand“ und „Hilfsbereitschaft für Kranke“ angeführt.
Als Schwerkranke und nahezu arbeitsunfähig wurde Pauline ein Jahr später entlassen. Den Rest ihres Lebens musste Pauline von einer Mindestrente leben. 1971 ist Pauline Wittwer gestorben.

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Partenen: Kein schlimmes Ende

In den letzten Kriegstagen 1945 war das Schicksal der Vorarlberger Illwerke auf dramatische Weise gefährdet. Nur der mutige und umsichtige Einsatz heimischer Aktivisten konnte eine drohende Katastrophe verhindern.
Von Bregenz kommend, rückten die französischen Truppen bereits in den Süden des Landes vor. In dieser Situation befahl eine nationalsozialistische Kommission die Sprengung des Trominier-Tunnels, der Schrägaufzüge und der Höhenseilbahn. Gleichzeitig sollte im Silvrettadorf eine Verteidigungsanlage errichtet und mit gewaltigen Mengen Sprengstoff ausgestattet werden.
In dieser dramatischen Situation bildete sich unter Betriebsleiter Ing. Romed Boss eine schlagkräftige Aktionsgruppe. Maßgeblich beteiligt waren Verantwortliche für den Objektschutz, Werksmeister, Stauseewärter und weitere Mitarbeiter der Kraftwerke.
Vorrangig musste die Sprengung der Werksanlagen und Stauseen verhindert werden. Parallel dazu galt es, die nationalsozialistischen Truppen zu entwaffnen, um kriegerische Auseinandersetzung mit den anrückenden französischen Truppen zu vermeiden. Beides gelang mit Verhandlungsgeschick, mit Drohungen und Weisungen, vor allem mit dem nötigen Mut zum Risiko.
Dies war ein Versuch, zu retten, was noch zu retten war. Alles, was in den Jahren davor aufgebaut
worden war, stand auf dem Spiel. Es ging um die Verhinderung einer letzten sinnlosen Katastrophe, zu der die Nationalsozialisten hier noch willens und fähig waren.
Als dann die ersten französischen Panzer in Partenen ankamen, waren die letzten Nationalsozialisten bereits entwaffnet. Somit konnten die Mitglieder der Aktionsgruppe und Teile der Bevölkerung die einrückenden Franzosen als Befreier begrüßen.

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Gesamte Broschüre zum Projekt als pdf-Datei zum Herunterladen

Stand Montafon 2021

Konzept, Recherche und Text:
Michael Kasper, Stand Montafon
Bruno Winkler, Rath & Winkler OG

Projekt gefördert durch:

Artikelaktionen

Kontakt
Montafoner Museen
Dr. Michael Kasper
Kirchplatz 15
A-6780 Schruns
T +43 5556 74723
Öffnungszeiten
Montafoner Heimatmuseum Schruns

Juli - September Di-Fr & So 10 bis 17 Uhr

alle 4 Montafoner Museen

8. Juni - 31 Oktober 2021

Di - Fr & So
14 bis 17 Uhr

Außerhalb der regulären Öffnungszeiten ist ein Museumsbesuch nach Terminabsprache sehr gerne möglich.